Die Geschichte der Freimaurerloge Luginsland im Orient Nürnberg von 1912-1933

Vor genau 100 Jahren, allerdings nur für kurze Zeit, schien die Welt noch „in Ordnung zu sein“. Die deutsche Kolonien umfassten 3 Millionen Quadratkilometer mit 12 Millionen Einwohner. Es lebten zu jener Zeit über 30.000 Millionäre in Deutschland, und die 1911 verabschiedete Deutsche Reichsversicherungsordnung trat in Kraft.
Die Städtische Oper Berlin-Charlottenburg  wurde eröffnet; bereits
seit 10 Jahren hatten die Berliner eine von Siemens gebaute U-Bahn, und jetzt wurde in Hamburg die zweite deutsche U-Bahn in Betrieb genommen. Die farbige Bildnisbüste der Nofretete wurde von Ludwig Borchardt  entdeckt und einige Jahre später nach Berlin gebracht.
 
Es herrschte in ganz Europa eine rege Kulturbewegung. Literaten wie Ludwig Thoma und Kurt Tucholsky wurden durch ihre Debüt-Arbeiten für ein breiteres Publikum bekannt, Waldemar Bonsels´, mittlerweile in 40 Sprachen übersetzte „Die Biene Maja“ erschien und G. Hauptmann erhielt den Nobelpreis für Literatur. Künstler wie Chagall, Brancusi, Picasso, Matisse, Munch und Corinth, sowie Komponisten wie Mahler und R. Strauss schöpfen neue Meisterwerke.  In Köln findet die erste umfassende Kunstausstellung der europäischen Moderne statt, und es entstehen neue künstlerische Experimente und Richtungen wie: „Der blaue Reiter“ mit Kandinsky, Marc und Klee in München.
 
Es sind auch Verluste und Katastrophen zu verzeichnen: es sterben Karl May, August Strindberg, Henri Poincaré und Jules Massenet; die Titanic sinkt mit 1500 Opfern. Im Oktober 1912 bricht der 1. Balkankrieg aus. Das Scheitern der deutsch-britischen Verhandlungen über Flottenpolitik sowie der massive politische Druck der bolschewistisch-kommunistischen Bewegungen werden von Historikern als Vorboten des Ausbruchs des 1. Weltkrieges gedeutet.
 
Trotz dunklen Wolken und Spannungen – Technik und Wissenschaft machen enorme Fortschritte. Grundsteine moderner Errungenschaften werden gelegt: Einstein gründet die theoretische Basis der modernen Photochemie, es wird der synthetische Kautschuk und der nichtrostende Kruppstahl hergestellt. Die erste deutsche Luftpost wird verschickt, der Siemens Schnelltelegraph (1.000 Zeichen/Minute) findet erstmals Verwendung.
 
Alexis Carell bekommt den Nobelpreis für Pionierarbeiten in der Organverpflanzung: es erscheint C. G. Jungs „Wandlungen und Symbole“. Sigmund Freud veröffentlicht „Totem und Tabu“ und seine Lehre über Psychoanalyse befindet sich in voller Blüte.
Rudolf Steiner gründet die „Anthroposophische Gesellschaft“ und gewinnt zahlreiche Anhänger.
 
Gleichzeitig haben freimaurerische Ideale Attraktivität; die Zahl der neuen Mitglieder wuchs so rasant, dass sich die Notwendigkeit zeigte, neue Logen zu gründen.
 
Die Gründungsmitglieder der Loge „Luginsland“ kamen aus verschiedenen Logen in Lüdenscheid, Halle/Saale, Berlin, München, Saarbrücken, Mannheim oder Dresden etc. zusammen und bereicherten die Arbeit ihrer neuen Loge mit Kenntnissen und Erfahrungen aus ihren Mutterlogen.
Die Umstände der Namensgebung der Loge „Luginsland“ sind nicht gesichert. Vielleicht wollten die Gründer der Loge damit die Verbundenheit mit der Geschichte ihrer Stadt herausstellen. Möglich, dass das Sinnbild des Turmes als ein Symbol allen Strebens nach oben, sowohl im geistigen Bereich wie auch auf der weltlichen Ebene, des Darüberstehens und des Weltblicks galt.
Der ehemalige 47 m hohe Wachturm wurde von den Nürnberger Bürgern im Jahre 1377 innerhalb von nur fünf Monaten errichtet, um den Burggrafen der angrenzenden Kaiserburg besser beobachten zu können. Dieser befand sich während der Bauzeit des Turmes auf einer längeren Reise und war bei seiner Rückkehr äußerst unerfreut von diesem Beobachtungsposten. Nachdem er erfolglos beim Kaiser die Beseitigung des Turmes zu erwirken versuchte, kam es bald zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Der Turm fungierte längere Zeit als Gefängnis – der bekannteste Insasse war Kaspar Hauser (1828).
Die Freimaurerloge Luginsland, im Orient Nürnberg, Matrikel-Nr. 621, wurde ursprünglich als Johannis-Loge unter dem Schirm der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland (GLL FvD), oft auch kurz Freimaurerorden (FO) genannt, gegründet.
Anfangs befand sich der Sitz der jungen Loge in der Bindergasse 16, Nürnberg. Im Jahre 1924, zusammen mit der Loge  „Albrecht Dürer“, zog die Loge „Luginsland“ von der Bindergasse in das von den Logen „Joseph zur Einigkeit“ und „Zu den drei Pfeilen“ erbaute Logenhaus an der Hallerwiese 16.

             Br:. Ernst Dönneweg           Br:. Heinrich Keilholz

 

 

Logenmeister
1. Ernst Dönneweg 1912-1924 12 Jahre
2. Maximilian Meyer 1924-1928 4 Jahre
3. Heinrich Keilholz 1928-1933 5 Jahre

 

Die Logenmitglieder gehörten wie im 18. und 19. Jahrhundert überwiegend der gehobenen Gesellschaft an.

Die Loge Luginsland arbeitete und lebte nach ihrem eigenen Johannisritualsystem aber war immer offen für andere Rituale. Das illustrieren am besten die Worte des damaligen Stuhlmeisters Br. Meyer am 21. Juni 1925, als er das gemeinsame Johannisfest der damals 4 Nürnberger Logen unter dem Vorsitz und der Leitung der Luginsland eröffnete: „Bei aller Verschiedenheit der Systeme der deutschen Frm:. Sind die einenden Elemente sehr viel stärker und zahlreicher als die trennenden, sodass wir uns gern wieder zu dem Bande, das alle deutschen Frm:. umfasst, bekennen wollen.“

Offenheit, Toleranz und Verbundenheit mit der weltweiten Bruderkette spiegelten sich in Vorträgen von Br. Emil Adriányi (aufgenommen in die Loge in Budapest) und Br. Edmund Tröltsch (aufgenommen in die Loge Tendosama in Yokohama), wider.

Leider sind zahlreiche Dokumente der Loge und Skripte der Vorträge in späteren Katastrophen verschollen gegangen; von den Erhaltenen ist der Vortrag des Br. Brenner (Redner) hervorzuheben. In ihm stellt er eine heute noch beherzigenswerte Botschaft heraus, die allgemein für die Freimaurerei gilt:

Die geschichtliche Aufgabe der Freim. ist  Religionsübung in höchster vollendeter Form. Bleiben wir der Mahnung unseres Obermeisters eingedenk :“Liebet einander!“ Wir müssen aus den Mythen und Symbolen Kraft schöpfen für den Alltag. Wir wollen Einkehr in uns halten und nachdenken, was war und was weden soll. Denn wir sind ein Teil jenes ewigen Lebensstromes, der die Welt erfüllt. Wir dürfen nicht die Tempel der Vorfahren einreissen, um aus ihrem Schutt  Nutzbauten belangloser Tagesinteressen zu errichten. Bei uns wird die Religion aus den Glaubenssätzen emporgehoben in die Sphäre reinen Schauens und Empfindens. Aufbauend auf den welterlösenden Ideen des Christentums lehrt die Freim:. nicht etwa das Problem der Menschheit zu lösen. Aber sie hilft uns suchen, wo dieses Problem angeht. Sie bekämpft die grenzenlose Überschätzung des Verstandes und baut uns aus der Enge des Begrifflichen hinauf zu der Höhe, wo der Hauch der Ewigkeit weht. Der Glaube ist nicht ein Dafürhalten, sondern ein Tätigwerden aus innerstem Herzensdrang. Er ist der Einzug der Liebe ins Menschenherz und darum das Licht, dem wir zustreben. So wenig wir vom Wesen unsrer Toten wissen, so vertraut und nahe sind uns unsere Heimgegangenen Brr., denn eine Kraft, die jemals war, versinkt nicht im Nichts. Sie sind die Bildner und Wegbereiter dessen, was wir zu werden uns bemühen.“  

 

Wie sehr unsere Loge nach dem 1. Weltkrieg einem Bedürfnis und  dem Zeitgeist entgegenkam, beweist, trotz strenger Auswahl, das   Emporschnellen der ordentlichen Mitgliederzahl von 20 im Jahre 1912 auf 116 im Jahre 1924 und 161 im Jahre 1926. Im Jahre 1931 gibt es immer noch 144 Mitglieder trotz finsterer Vorahnungen.

1933 erreichte die Dunkle Zeit auch die Loge Luginsland. Wie andere Logen wurde sie durch den NS-Gauleiter Julius Streicher verboten, das Logenhaus geschlossen.

Trotz der größten Gefahr während der Herrschaft der absoluten Intoleranz hielten die Brüder durch ihr regelmäßiges Zusammenkommen an Samstagen als Kränzchen im Café Kerzinger oder im Wartesaal des Nürnberger Hauptbahnhofes das Logenleben hoch. So kam dieser Kern der Loge unentdeckt durch die Krise, und nach dem Umschwung befasste sich dieser Kreis sofort mit dem Wiederaufbau.

(T.H.)